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Leung Renas Sido: „Wo sind meine Olivenbäume?“

„Wo sind meine Olivenbäume?“
Datum:
19. Sep. 2023
Von:
Axel Küppers

Neuss - Der Autor Renas Sido stellt seinen Buchneuling im Caritashaus International vor. Nicht nur das. Er diskutiert auch über die Inhalte, nachdem er seinen langen und beschwerlichen Weg aus Syrien beschrieben hat. Das ist alles andere als ein Reisebericht. So wie der von vielen anderen, die in alle Welt ausschwärmen und das Abenteuer suchen. Die haben auch eine Menge zu erzählen, wenn auch von ganz anderer Art.

Beim heute 30 Jahre zählenden syrischen Kurden Renas Sido aus Afrin ging es um die nackte Existenz. Von sich selbst und immer auch von seiner Familie. Darüber hat der Migrant, der einst mit 16 die Schule geschmissen hat, ein fesselndes Buch geschrieben. Und bei allen entsetzlichen Ereignissen, dessen Zeuge er auf seiner langen Odyssee gewesen ist, sagt er heute scheinbar unbefangen: „Es gab auch gute Begegnungen.“

Der begrüßende Deutsch-Palästinenser Fadi El Abbas ist Integrationsbeauftragter der „Aktion Neue Nachbarn im Rhein-Kreis Neuss“ der Caritas-Sozialdienste. Er kennt bei der Ankündigung des Autors mit seiner Betreuerin Ines Kolender den In-halt des Buchs bereits. Und doch lauscht er gebannt den mündlichen Ergänzungen in freier Rede. Auch die Besucher*innen im Veranstaltungsraum auf der zweiten Etage der Caritas in der Salzstraße sind fasziniert. Von der mehr als autoritären Schulzeit des Renas Sido, den Demütigungen und der Rechtlosigkeit. Von seinen beruflichen Erfolgen und Misserfolgen auf seinem Zickzack-Kurs durch den Libanon, Libyen, den Irak und die Türkei. Stets hält er den Kontakt zu seiner Familie, die er laufend mit ver-dientem Geld versorgt.

Und dann steht er in den Fängen der Schleuser endlich an der türkischen Küste und er-wartet in der Dunkelheit ein Schlauchboot, das ihn und viel zu viele andere über die Ägäis fahren soll. Mehrere Versuche gehen schief, bis ein Komplott der Schleuser mit der Küstenwache endlich die Landung auf der Insel Lesbos ermöglicht. Sido: „Dann ging es aber erst richtig los:“ Die Balkanroute war in manchen Belangen dieselbe Hölle, der er gerade entronnen war. Ablehnung, blanker Hass und wütender Rassismus schlugen ihnen entgegen.

Doch Renas Sido gab nicht auf und hielt durch. In verteilten Rollen, mal moderierend, mal aus dem Buch vorlesend, greifen Ines Kolender und Renas Sido als in Sachen Autoren-Präsentation längst erfahrenen Akteure Episoden aus dem Buch heraus. Wie war das noch in Ungarn, als sie aufgebrachte Attacken von Hooligans fürchten mussten? Wie verhielten sich zuvor die Beamten auf Lesbos, als sämtliche Flüchtlinge in einem armseligen Lager zusammengepfercht wurden?

Meist mit einem Lächeln im Gesicht trägt Renas Sido vor und vergewissert sich regelmäßig, wie das Vorgetragene im Publikum ankommt. Hier hat er ein Heimspiel, denn viele der Eingeladenen haben ehrenamtlich mit der Integration zu tun. Der Immigrant aus Afrin mit seiner andauernden Sehnsucht nach dem Olivenhain seiner Kindheit ist seit 2015 in Neuss. Er zählt längst zu den erfolgreich Angekommenen. Das hat eine Menge mit seiner großen Motivation zu tun. „Die Sprache lernen“, so rät er als unbedingt ersten Schritt, eine Ausbildung beginnen, sich in die Gesellschaft einbringen. „Anpas-sung“ nennt er das ohne eine negative Nebenbedeutung. „Und für sich selbst sorgen“, das ist für ihn eben auch wichtig. Heute ist Renas Sido stellvertretender Lagerleiter in einem Speditionsunternehmen. Er ist ein Musterbeispiel der Integration und hält Lesungen aus seinem Buch in ganz Deutschland.

Nicht zu vergessen ist die große Unterstützung durch die Caritas. Sie hat den Weg zu seinem Erfolg geebnet. Dabei dürfen drei Namen nicht vergessen werden: Dorota Hegerath, ehemals Integrationsbeauftragte; Ines Kolender, Integrationshelferin vor Ort; und der Journalist Klaus Niehörster, der auch einen großen Anteil am Entstehen des Buches hatte. Text: Klaus Niehörster

  • Renas Sido: Wo sind meine Olivenbäume? Auf Umwegen von Syrien ins Rheinland · Skript-Verlag Neuss 2022

https://caritas.erzbistum-koeln.de/neue-nachbarn-neuss/

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