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Bunte Vielfalt in der Freien Wohlfahrtspflege lebendig halten

Die Regierung kappt vieles im Sozialbereich und pumpt alles Geld in die Wirtschaft: Diese Botschaft in Richtung Berlin formuliert Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, beim sozialpolitischen Fachgespräch im Neusser Caritashaus International.
Im Podium des sozialpolitischen Fachgesprächs im Neusser Caritashaus an der Salzstraße 55 (von links): Vorstandsvorsitzender Marc Inderfurth; Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes; Hermann Gröhe, Bundestagsabgeordneter der CDU aus Neuss.
Datum:
20. Sep. 2023
Von:
Axel Küppers

Neuss, 20.09.2023 - „Es ist schon kaltschnäuzig, wie die Regierung Soziales kappen und alles Geld in die Wirtschaft pumpen will.“ Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, nimmt kein Blatt vor den Mund. Beim sozialpolitischen Fachgespräch im Neusser Caritashaus International an der Salzstraße 55 diskutiert die gebürtige Duisburgerin auf Einladung des Neusser CDU-Bundestagsabgeordneten Hermann Gröhe mit ihm und rund 40 Vertreterinnen und Vertretern der Wohlfahrtsverbände sowie aus Politik und Verwaltung über die Zukunft der Freien Wohlfahrtspflege in schwieriger Zeit. Der Ort des Fachgesprächs ist nicht ohne Grund gewählt: Der Caritas-Fachdienst für Integration und Migration ist eine Einrichtung der Freien Wohlfahrtspflege, die mit den angedrohten massiven Kürzungen durch die Ampelkoalition einer ungewissen Zukunft entgegenblickt.

„Es ist unser Auftrag, nah bei den Menschen zu sein, die in Not sind“, stellt Marc Inderfurth, Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes Rhein-Kreis Neuss, als Moderator zu Beginn des Fachgesprächs die Leitplanken auf. Hermann Gröhe, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion und zuständig für den Bereich Arbeit und Soziales, macht deutlich: „Die Politik braucht jetzt die Kraft, Schwerpunkte zu setzen. Für uns haben etwa Bildungschancen und die Vermittlung in Arbeit Vorrang vor der Erhöhung von Geldleistungen. Und es gilt, bewährte Angebote vor Ort zu erhalten."

Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa ist beim abendlichen Austausch noch ge-prägt von den Eindrücken, die sie zusammen mit Hermann Gröhe und Marc Inderfurth bei ihrer Tagestournee durch Einrichtungen im Rhein-Kreis Neuss erlebt hat. Die 64-Jährige hat die Caritas-Radstation im Neusser Hauptbahnhof sowie das Projekt „Neu(e)ss Wohnen für Frauen“ des Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Neuss besichtigt. Außerdem steht beim gemeinsamen Mittagessen im St. Theresienheim mit einem halben Dutzend Azubis das Thema „Die Caritas als Ausbilder und Arbeitgeber“ auf der Agenda.

„Diese soziale Infrastruktur ist nicht aus der Theorie schlauer Bücher entstanden, sondern wird vor Ort aus der Notwendigkeit aufgebaut und gelebt“, berichtet Eva Maria Welskop-Deffaa. Die Breite solcher Einrichtungen und Dienste der Freien Wohlfahrtspflege für Menschen in Not entspringe nicht einem Lobbyismus, sondern dem unmittelbaren Einsatzwillen der Caritas als größtem deutschen Wohlfahrtsverband mit Vorbildcharakter.

Umso weniger, so Eva Maria Welskop-Deffaa, versteht sie den Ansatz der Bundesregierung, Finanzmittel „ohne Sinn und Verstand“ zu kürzen und damit die Freie Wohlfahrtspflege in Frage zu stellen. „Das wird auch Auswirkungen auf das ehrenamtliche Engagement haben, die Motivation wird spürbar nachlassen“, so die erste Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes. Die Verlässlichkeit der Dienste werde in Frage gestellt, die Knoten im Netz der sozialen Infrastruktur zerschlagen.

Die Teilnehmer des sozialpolitischen Fachgesprächs bestätigen querbeet, dass es schon jetzt schwierig ist, mit Blick auf Tariferhöhungen, Krisenmodus, allenthalben explodierender Preise und drastischer Energiepreiserhöhung nicht in die roten Zahlen zu rutschen. Im Ergebnis sei zu beobachten, dass sich die Träger aus der Freien Wohlfahrtspflege zurückziehen und die Kommunen die Aufgaben übernehmen müssen. Das konterkariere die gewünschte Trägervielfalt und fördere Verstaatlichung. Marco Gillrath, Direktor des Jugendhilfezentrums Raphaelshaus in Dormagen, spricht Liquiditätsprobleme und erheblich zeitverzögerter Refinanzierung der Dienste durch die Krankenkassen offen an. „Wir sind am Limit, was die Arbeitsbelastung betrifft“, bestätigt Florian Köpenick, Krankenpfleger im Lukaskrankenhaus Neuss.

Hans-Jürgen Petrauschke (Foto), Landrat des Rhein-Kreises Neuss, reißt das Problem an, dass die Freie Wohlfahrtspflege schon jetzt akute Personalengpässe hat: „Wir sollten also nicht immer weiter neue Dienste aufbauen, sondern am Vorhandenen festhalten und versuchen, zumindest diese Angebote zu stabilisieren.“ Der Landrat kritisiert, dass in der Pflegebranche berechtigterweise gute Tarifabschlüsse erzielt worden sind, nun aber niemand die Zeche zahlen will. „Dadurch geraten die Einrichtungen zusätzlich in die Schieflage.“

In Anknüpfung daran wird im sozialpolitischen Fachgespräch vielfach kritisiert, dass behördlicherseits trotz der angespannten Lage immer mehr statt immer weniger Bürokratie an den Tag gelegt wird. „Während wir etwa in der Pflege dringend auch auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind, ändert aber das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz nichts an überlangen Bearbeitungszeiten bei der Erteilung eines Visums. Da müssen wir deutlich schneller werden", nennt Hermann Gröhe ein Beispiel.

„Wir werden alles dran setzen, die bunte Vielfalt in der Freien Wohlfahrtspflege weiterhin miteinander zu leben“, so das kämpferische Schlusswort vom Vorstandsvorsitzenden Marc Inderfurth.

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